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Kleine Änderungen – große Wirkung

Stellschrauben für besseres Lernen

2015 erschien in Großbritannien ein Buch, dessen Grundgedanken die beiden Autorinnen folgendermaßen beschreiben:

Übersetzt heißt das: Es gehe eher darum, dass Lehrer kleine Stellschrauben (“tweaks”) verändern, um zu Verbesserungen des Unterrichts zu gelangen, als das sprichwörtliche Rad (“the proverbial wheel”) komplett neu zu erfinden.

Die beiden Autorinnen Melanie Aberson und Debbie Light sind Lehrerinnen, die ihre Ideen zuvor in sozialen Netzwerken verbreiteten un diese nun in einem Buch zusammengefasst hatten.

Sie erläutern weiterhin, dass ihrer Meinung nach der Fokus auf dem Alltag statt auf sogenannten Leuchttürmen liegen sollte. Qualitativ hochwertige, machbare Lernangebote im Alltag seien wertvoller als herausragende Einzelprojekte, die keine Breite erreichen. Das Buch ist nach wie vor lesenswert und enthält eine Fülle von Anregungen, wie unsere gewohnten Unterrichtsaktivitäten mit kleinen “tweaks” verändert werden können. Ich bin dem Gedanken dieses Buches seither treu geblieben und möchte hier ebenfalls kleine “tweaks” aus meinem Erfahrungsbereich zeigen, um einerseits zur konkreten Nachahmung anzuregen, andererseits aber auch dem Grundgedanken zur Verbreitung zu verhelfen. Die vier hier beschriebenen “Stellschrauben” unterliegen keiner Systematik und sind eher das Produkt zufälliger Wahrnehmung.

Stellschraube 1: Erklären von komplexen Lernaufgaben

Warum ich ein Fan von komplexen Lernaufgaben bin, habe ich anderswo wiederholt erläutert. Ich meine damit nicht, dass schlagartig jede Schüleraktivität nur noch Bestandteil einer komplexen Aufgabe sein muss. Ich meine, dass es unser Ziel sein sollte, nach den jeweils für eine Gruppe vorhandenen Umständen in die Richtung zu arbeiten, dass Schüler befähigt werden, möglichst selbständig und möglichst selbstgesteuert möglichst komplexe, sinnvolle Lernaufgaben zu bewältigen. Auf dem Weg dahin kann es durchaus nötig und sinnvoll sein, kleinere Schritte zu gehen.

Ich glaube, dass Lehrkräfte — insbesondere diejenigen, die (noch) unter Beobachtung stehen — im Zweifelsfall von komplexen Aufgaben absehen, weil deren Ablauf schieriger zu kontrollieren ist. Bei meiner ersten “Stellschraube” geht es um die Phase, in der es zur Erklärung der Aufgabe kommt. Wenn ich eine zeitlich und inhaltlich übersichtliche Aufgabe plane, kann ich sichere Weichenstellungen vornehmen, dass die Aufgabe schnell verstanden wird, dass die Schüler zügig mit dem Arbeiten beginnen — und dass ggf. Beobachter das auch zufrieden beobachten können. Bei komplexeren Aufgaben entstehen Risiken: Kann ich die Aufgabe (mündlich, visuell) so formulieren, dass auch jeder Schüler sie schnell versteht? Sind Rückfragen Ausweis meiner fehlenden Formulierungskompetenz? Entsteht Zeitverzug, wenn ich einzelnen Schülern noch auf die Sprünge helfen muss?

In dieser Stellschraube zeigt sich, dass hier möglicherweise eine kleine Haltungsänderung nötig ist, die als Fragen beschriebenen Irritationen nicht als Schwäche, sondern als Potential zu begreifen. Ich hatte jüngst eine recht komplexe Aufgabe im Deutschunterricht eingesetzt, die über mehrere Wochen andauern wird. Als die Schüler mit der Arbeit begannen, hatte ich den Eindruck, dass an einigen Stellen noch Erläuterungen und Hilfen nötig sind. Ich verbrachte also die nächsten 30 Minuten damit, von Kleingruppe zu Kleingruppe zu gehen, um in direkten Gesprächen Hindernisse aus dem Weg zu räumen. “Nichts Besonderes!”, denkt der geneigte Leser. Der “tweak” besteht jetzt darin, diese Nachsteuerung nicht als Schwäche zu begreifen, sondern von vornherein als regulären Bestandteil einzuplanen. In diesen Kleingesprächen konnte Wertvolles geleistet werden:

  • Erläuterung von erwarteten Endergebnissen
  • Verdeutlichung der Aufgabenstellung
  • vor allem: Verdeutlichung und Austausch über den Sinn der Aufgabe
  • Diskussion über Varianten, hier z. B. die Integration von Bildern oder Audios in Texte
  • Anregungen über die gruppeninterne Aufteilung und Organisation
  • Verdeutlichung von Bezügen zu abiturrelevanten Aufgabenstellungen (hier: das “Materialgestützte Schreiben”)
  • vor allem Nr. 2: Ermutigung und Motivation

Den Sinn der Aufgabe zu erläutern, fällt im Alltag leider oft über Bord, wenn wir die Aufgabeninstruktion verständlich transportiert haben und die Schüler zielgerichtet die Aufgabe erfüllen. Die Nachsteuerung, zu der ich hier gezwungen war, ermöglichte mir, das in Kleingesprächen nachzuholen — aus meiner Sicht ein Gewinn.

Stellschraube 2: Schülerbeteiligung bei der Bewertung “mündlicher Leistungen”

Die Beteiligung der Schüler bei der Festlegung von Bewertung sonstiger oder “mündlicher” Leistungen (ich nenne das “unterrichtspraktische Beiträge”) ist ebenfalls nichts Neues. Ich nehme dazu folgenden Bogen:

Schülerblatt für die Selbstdiagnose unterrichtspraktischer Beiträge CC BY Björn Nölte

Die Schüler füllen den Bogen aus und ich kann dort, wo aus meiner Sicht Gesprächsbedarf vorhanden ist, mit den Schülern das Gespräch unter 4 Augen suchen. Der “tweak”, die kleine Veränderung, ist die Ankündigung, mit der ich diesen Bogen in der Klasse einführe. Wie bei der ersten Stellschraube geht es auch hier darum, den Schülern den Sinn dieser Übung zu verdeutlichen. Meine Ankündigung dazu hatte folgende Punkte:

  • Dass ihr euch selbst angemessen einschätzen könnt, ist mir wichtiger, als dass ich euch Noten gebe.
  • Durch diesen Bogen erhalte ich möglicherweise Informationen, die meine persönlichen Beobachtungen sinnvoll ergänzen können.
  • Ihr seht durch diesen Bogen, welche Kompetenzen aus meiner Sicht wichtig sind — und das ist mehr als nur häufiges Melden.
  • Auf der Basis eurer Einschätzung können wir in konstruktive Gespräche kommen (z. B. wenn meine Einschätzung abweicht).
  • Wenn ich eure formulierten Ziele sehe, kann ich euch auf dem Weg besser unterstützen.

D. h. ich nutze den Bogen nicht nur als individuelles Instrument, sondern in der Ankündigung gegenüber der gesamten Lerngruppe als Stellschraube zur Justierung der Beziehung und des gegenseitigen Rollenverständnisses.

Stellschraube 3: Rückmeldung nach Rechtschreibung-Test

Allen Unkenrufen zum Trotz hat das Trainieren von Rechtschreibung mit einem Online-Tool wie Microsoft Forms oder Google Forms durchaus seine Berechtigung. Das wird vielfältig praktiziert: Die Schüler erhalten direkt bei oder nach der Eingabe eine Rückmeldung zur Korrektheit. Der Test korrigiert sich automatisch, direkt nach Abgabe erhalten die Schüler ihr Ergebnis. Ich habe keine empirischen Befunde, aber zumindest macht das Rechtschreibtraining in Forms Schülern und Lehrern deutlich mehr Spaß. Was ist hier der “tweak”, die Stellschraube? In einem Test über Google Forms, der benotet wird, ist der Test mit der digitalen “Abgabe” der eigenen Antworten nicht beendet. Die Schüler sehen direkt nach Abgabe ihr Gesamtergebnis in Form ihrer Punkte, sowie die korrekten Antworten im jeweiligen Vergleich mit ihrer Angabe. Und zwar sowohl bei multiple choice-Aufgaben als auch bei kurzen Texteingaben oder anderen Aufgabenformaten. Jetzt besteht ihre weitere Aufgabe darin, individuell ihre Fehlerschwerpunkte zu ermitteln. Dazu suchen sie sich dann aus dem Material, mit dem zuvor im Unterricht gearbeitet wurde, die entsprechenden Regeln, die notiert wurden, Strategien zum Vermeiden ihrer Fehler sowie weitere Beispiele. Für dieses Zusatzblatt erhalten die Schüler weitere Punkte, die in die Gesamtnote des Tests einfließen.

Der “tweak” ist eigentlich die Unmittelbarkeit: Direkt nach Abschluss des Tests erhält jeder Schüler sein (vorläufiges) Ergebnis — direkt danach erfolgt die eigene Analyse und Modifikation der Bewertung. Diese Unmittelbarkeit ist nur digital zu realisieren.

Stellschraube 4: Abschluss einer Unterrichtseinheit

Zum Abschluss einer Unterrichtseinheit führen viele Lehrer mit ihren schülern eine Form von Zusammenfassung durch. Mein “tweak” an der Stelle kombiniert einen sachbezogenen Abschluss mit einem individuellen Abschluss. Selbstverständlich lassen sich beide Teile auch unabhängig voneinander realisieren.

Für den sachbezogenen Abschluss möchte ich auf eine großartige Methode verweisen, die der “Bildungsexperte” jüngst auf Twitter gepostet hat:

Für die individuelle Ergänzung habe ich gute Erfahrungen mit folgendem Verfahren gemacht: Der Lehrer gibt eine gemeinsame Präsentation, z. B. Google Slides, für die Lerngruppe frei. Jeder Schüler hat in dieser Präsentation eine Seite — möglicherweise reserviert und beschriftet der Lehrer die Seiten mit den Schülernamen. Seine Seite kann jeder Schüler nun so füllen, wie gewünscht, und zwar unter folgenden Leitfragen:

  • Welche Einzelheit war in der Unterrichtsreihe für dich überraschend, neu, besonders relevant, hat dich zum Nachdenken gebracht?
  • Oder: An welcher Stelle hattest du zunächst Verständnisschwierigkeiten, die du dann überwinden konntest?
  • Oder: An welcher Stelle müsste man eigentlich weiterdenken / mehr in die Tiefe gehen?
  • Oder: Welcher Aspekt bleibt für dich kontrovers?
  • Oder: Wozu kannst du noch etwas zur Veranschaulichung oder Vertiefung beitragen?

Die Folien können mit Text, Bildern, Videos, Screenshots, links etc. gefüllt werden. Empfehlenswert ist es, die Schüler gleichzeitig daran arbeiten zu lassen. Präsentation und Auswertung können dann gemeinsam oder wiederum individuell erfolgen.

Teaching & Learning in Berlin, Germany — Referent Schulaufsicht der Ev. Schulstiftung in der EKBO | früher: Lehrer, Seminarleiter, Oberstufenkoordinator

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