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Die Korrekturberge: Endgegner der Lehrkräfte?

Ein neuer Blick aufs Korrigieren

eit ich nicht mehr unterrichte, begegnen mir häufig Aussagen wie: “Na, dann bist du jetzt bestimmt froh, nicht mehr so viel korrigieren zu müssen.” Oder ähnlich. Die schlimmste Bürde der Lehrkraft — zumindest an weiterführenden Schulen — scheinen die Berge an Klassenarbeiten und Klausuren zu sein. Und natürlich spüre ich dabei den Reflex, diese Entlastung zu bejahen. Keiner Deutsch-, Englisch- oder Geschichtslehrkraft muss ich erklären, welchen Zeitaufwand Korrekturen insbesondere in der gymnasialen Oberstufe mit sich bringen. Auch für die anderen Fächer gilt das.

ber: Wenn ich ehrlich bin, denke ich anders. In den letzten drei Jahren meiner Lehrertätigkeit habe ich nicht in erster Linie geächzt, wenn ich ans Korrigieren denke, obwohl ich Deutsch und Geschichte vorrangig in der Oberstufe unterrichtete. Woran liegt das? Am stressigsten sind mir Korrekturen in standardisierten Arbeiten wie “Prüfung 10: Deutsch” in Erinnerung, wo es darum ging, vorgegebene einheitliche Erwartungsbilder in Einklang mit dem eigenen didaktischen Gewissen und den individuellen Antworten der Schüler zu bringen. Stressig, obwohl der Korrekturaufwand um ein Vielfaches geringer ist als in Klausuren etc. Aber das, was üblicherweise pädagogischen Nackenschweiß und nächtliche Sonderschichten auslöst: Klausurberge in Grund- und Leistungskursen — das ist bei mir weniger in schlechter Erinnerung, als man denkt.

atürlich — Überraschung — spielt das Digitale hier eine Rolle. Seit meine Schüler Klausuren und Klassenarbeiten digital anfertigen konnten, hat sich mein Blick aufs “Korrigieren” (der Begriff ist pädagogisch immer noch sehr schwierig) verändert. Da ich während des Klausurschreibens stets direkt bei jeder/m Schüler*in dabei sein kann, begleitet mich eine große Neugier: Wie reagiert die Gruppe auf mein Prüfungsangebot? Welche Strategien wenden einzelne Schüler*innen an: umfangreiches, mehrfarbiges Markieren? Schreibplan? Mindmap? Oder gleich losschreiben? Wie läuft die zeitliche Einteilung? Durch das Schreiben in digitalen Dokumenten, die ich während der Klausur einsehen kann, kann ich mir zu all dem einen Eindruck verschaffen. Und plötzlich wird das “Aufsicht führen” — ich denke dabei an Foucault — für mich zu einer diagnostisch sinnvollen Aufgabe. Mir geht es nicht mehr primär darum, die Schüler*innen zu beaufsichtigen, um Betrügereien aufzudecken, sondern darum, ihren Arbeitsprozess zu diagnostizieren. Das hat drei unmittelbare Folgen:

  1. Ich muss regelrecht aufpassen, den Schüler*innen nicht während der Arbeit Hinweise über die Kommentarfunktion zu geben, so wie ich es von Unterrichtsarbeiten gewöhnt bin, denn das ist natürlich in der Klausur nicht zulässig.
  2. Ich merke, dass ich durch das “unmittelbare Dabeisein” noch stärker mit den Schüler*innen mitfiebere und hoffe, dass sie die Aufgabe gut bearbeiten und entferne mich dadurch noch stärker vom Kontrolleur, Fehlerfinder, Notensortierer.
  3. Ich bekomme direkt Erkenntnisse, die ich als Hinweise an die Lernenden nutzen kann: Ich habe beobachtet, wann & wie Textbelege eingefügt werden, wann die Einleitung formuliert wird (besser am Schluss?), in welchem zeitlichen Verhältnis die Vorbereitung des Schreibprozesses zum eigentlichen Schreiben steht uvm. Nicht immer kann ich bei jeder/m Schüler*in etwas beobachten, was ich sinnvoll zurückmelden kann, aber bei mir entstand jedesmal eine größere Motivation als früher, mich mit den geschriebenen Arbeiten zu beschäftigen (sie zu “korrigieren”), da ich aus dem Schreibprozess schon etliche Hinweise hatte.

So wird aus dem Korrigieren und Abhaken ein Diagnostizieren und ein Feedback, das im besten Fall als “Feed-Forward” genutzt wird, wenn nämlich die/der Lernende bei der nächsten ähnlichen Aufgabe die Hinweise benutzt. Meine Ausführungen beziehen sich zwar auf meine textlastigen Fächer, sie können aber prizipiell auf alle Fächer übertragen werden. Es kann das eingelöst werden was Annie Dörfle ab 7:38 in diesem Video fordert:

https://youtu.be/2PVxFfk_0ww?t=458

Nicht nur im Unterricht, sondern auch bei schriftlichen Leistungsbewertungen besteht also Möglichkeiten, das einzulösen, was Bob Blume jüngst bei Instagram formulierte und damit sehr breite Zustimmung erntete:

Die geschilderten Umstände führten also dazu, dass mir das Korrigieren tatsächlich weniger als Last erscheint, sondern mein Blick darauf jetzt wegen der größeren Sinnhaftigkeit (Diagnostik, Relevanz für die Lernenden) positiver wurde. Zudem kommt, dass das digitale Korrigieren die Arbeitszeit verkürzen kann und durch neue Möglichkeiten mehr pädagogische Freude bereitet:

  • Korrigieren mit einem digitalen Stift auf einer Tablet-Oberfläche
  • Korrigiertes “rückgängig” machen können: einen Kommentar revidieren, einen fälschlich angestrichenen Fehler “wegradieren” etc.
  • Erweiterte grafische Möglichkeiten durch Annotations-Apps: Good Notes, PDF Drawboard etc.
  • Einsatz von Feedback-Icons (z. B. Bitmoji), Audio-Feedback, Video-Feedback
  • dauerhafte, systematische Ablage des Feedbacks für die weitere Arbeit

Unterm Strich gilt es natürlich, das große Ziel einer generell revidierten Leistungsbewertung im Auge zu behalten, aber die geschilderten Eindrücke regen vielleicht dazu an, auch unter den gegenwärtig obwaltenden Umständen die Korrektur nicht als den inneren Endgegner der Lehrkraft anzusehen.

Teaching & Learning in Berlin, Germany — Referent Schulaufsicht der Ev. Schulstiftung in der EKBO | früher: Lehrer, Seminarleiter, Oberstufenkoordinator

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