Als Lehrer bei Twitter?

Anmerkungen für Unentschlossene

Dieser Artikel richtet sich an diejenigen Lehrer, die Twitter skeptisch gegenüber stehen. Natürlich kann man als Lehrer auch ohne Twitter gut leben. Der Digitalisierung kann man sich allerdings heute als Lehrkraft kaum verschließen:

Die Punkte 3, 6, 9 und 10 lassen Twitter ganz produktiv ins Spiel kommen. Wer Twitter das erste Mal sieht, fühlt sich überfordert: Das lässt sich doch unmöglich alles lesen, das meiste interessiert mich doch gar nicht, wird hier erwartet, dass ich zu all dem auch selbst etwas schreibe? Es besteht kein Zwang zur regelmäßigen vollständigen Lektüre der gesamten Timeline. Die allmählich greifenden Algorithmen sorgen für eine Vorfilterung, die persönliche Selektion folgt obendrauf. Viele Menschen sind über Wochen oder Monate (Korrekturzeiten) abstinent oder twittern nur sehr punktuell. In den vielen kleinen Situationen des Wartens im Alltag (im Verkehr, vor einer Konferenz, vor einem Meeting etc.) kann sich gerade die „Häppchen-Form“ der Twitter-Lektüre als ideal erweisen, indem z. B. eine Idee gesehen wird, die sich später vertiefen lässt. Die Kritiker sagen zu Recht: Die digitale Kommunikation zwingt uns doch sowieso schon zu sehr zur „Häppchen-Form“ und verhindert zeitintensiveren Tiefgang. Macht es da Twitter nicht noch schlimmer? Die Frage nach diesem Spagat muss natürlich jeder für sich selbst beantworten. Ich liste an Beispielen auf, wozu Twitter für Lehrer taugt und wozu eher nicht.

  • Schnelle Hilfe bei konkreten Fragen. Beispiel:
  • Inspiration. Für mich besteht die Hauptfunktion von Twitter darin, mich inspirieren zu lassen. Vielfalt und Kürze erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass man an irgendeiner Stelle aufmerkt. Eine Vielzahl von Ideen für die Schule und den Unterricht kann sich daraus ergeben. Das kann einerseits den nicht-digitalen Bereich betreffen, wie das folgende Beispiel zeigt:
  • In überwiegender Weise wird man aber digital inspiriert, z. B. zu den Formen, die nachfolgend von Shelly Sanchez Terrell zusammengestellt wurden:
  • Echte Kollaboration. Auf Twitter sind Formen der Zusammenarbeit möglich, die auf diese Art im RL oder anders nicht möglich wären. Durch den folgenden Tweet haben sich z. B. innerhalb von 2–3 Tagen ca. 45 Lehrerinnen und Lehrer zusammengeschlossen, um gemeinsam an einem kleinen, praktischen Projekt zu arbeiten. Das Ergebnis wächst und gedeiht gerade.
  • Teilen von Unterrichtsmaterial. Die Wahrscheinlichkeit, dass man in diesem riesigen Netzwerk auf jemanden trifft, dessen Material man gerade sucht, ist sehr viel höher als im üblichen Bekanntenkreis. So kann dieser virtuelle Bereich zu einer sinnvollen Ergänzung des “eigenen Teams” werden. Im sogenannten PLN („personal learning network“) tauscht man unkompliziert Material, nachfolgend ein Beispiel:
  • Kritische Rückmeldungen zu den eigenen Ideen, Instrumenten und Ergebnissen erhalten. Ich veröffentliche eine Unterrichtsidee, ein Material, ein Arbeitsergebnis — damit steigt nicht nur mein Vernetzungsgrad, sondern ich erhalte ehrliche, kritische Rückmeldungen zu meinem “Produkt”, so dass ich es weiter verbessern kann. Zuletzt habe ich z. B. meinen Analysebogen für Textquellen im Geschichtsunterricht nach einem Hinweis ergänzt und war darüber sehr dankbar. Je größer das Netzwerk, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass jemand meinen Analysebogen sieht und auch kommentiert.
  • Erweiterung des eigenen Horizonts. Unterschwellig öffnet sich der eigene Gesichtskreis, wenn man Lehrern aus anderen Teilen der Erde folgt, mit ihnen kommuniziert oder an Lehrerchats in den USA oder Australien teilnimmt (oder diese nur still beobachtet). Über die Teilnahme an Twitter lässt sich spielerisch das eigene Verhalten in der Welt der social media erkunden und erlernen. Gegenüber Schülern kann man eigentlich nur darüber wirklich authentisch sprechen, was man selbst auch erlebt oder worin man sich bewegt. Nähert man sich Schülern mit dem Thema Soziale Netzwerke über Broschüren, angelesene Informationen und ohne eigene Erfahrungen, merken die Schüler das meist recht schnell.
  • Erzeugung eines „digital footprint“. Für zukünftige Arbeitgeber, Organisatoren von Kongressen, Herausgebern etc. ergeben sich per Twitter-Handle zusätzliche Informationsmöglichkeiten über die Kandidatin. In dem Zusammenhang wird auch die Notwendigkeit eines positiven „Fußabdrucks“ sichtbar. Also: Unsachgemäße Kritik, peinliche Privat-Eskapaden, narzisstische Selbstbeweihräucherung vermeiden!
  • Tiefgründige Diskussionen. Manches Argument lässt sich nicht in 140 Zeichen abbilden. Wer also gründliche Auseinandersetzung und differenzierte Argumentation sucht, wird auf Twitter nicht so leicht fündig.
  • Fertige Anleitungen abholen. Die Ideen, die man auf Twitter für den eigenen Unterricht aufschnappt, sind keine Instant-Nudelsuppe. Das Zauberwort heißt Adaption: Anregungen aufnehmen, aber an die eigene Lernumgebung anpassen.

Yann Arthus-Bertrand hörte ich kürzlich nach der Kinopremiere seines Films »Human« sagen, jeder Mensch habe etwas zu sagen bzw. eine Geschichte zu erzählen.

Ich bin davon überzeugt, dass das auch für unseren Zusammenhang gilt. Man ist selbst für die eigene Dosis verantwortlich. Es ist genauso legitim, sich passiv bei Twitter zu bewegen. Es sollte nur klar sein, dass der Grad der Vernetzung mit der eigenen Produktivität steigt. Wie privat man dabei wird (bzw. ob?), muss bewusst entschieden werden.

Wer sich im realen Leben angemessen verhält, wird sich auch auf Twitter angemessen verhalten. Insofern ist eine spezielle Etiquette wohl überflüssig. Einige der folgenden Hinweise, die eigentlich für Schüler gedacht sind, interessieren vielleicht auch Erwachsene:

Wer mit seinen Schülern über Twitter ins Gespräch kommen möchte, kann diese Informationsseite nutzen:

Ein ähnlicher Text zu Lehrern auf Twitter wurde schon vor 3 Jahren von bobblume.de verfasst:

Bilder: Verwendete Fotos nach CC-BY lizensiert.

Teaching & Learning in Berlin, Germany — Referent Schulaufsicht der Ev. Schulstiftung in der EKBO | früher: Lehrer, Seminarleiter, Oberstufenkoordinator

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